Stiftskirche St. Hippolyt und Verena in Öhningen

Die Kirche St. Hippolyt und Verena in Öhningen ist eine Saalkirche aus der Übergangszeit von der Renaissance zum Barock. Außen überwiegen einfache Züge der Spätrenaissance, innen die barocke Ausgestaltung mit vielen hervorragenden Kunstschätzen.
 
Die Kirche gehört zum Ensemble des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstifts Öhningen und bildet die Nordseite des Konvents.
 
Das Patrozinium wird am oder um den 13. August gefeiert, dem Gedenktag des Heiligen Hippolyt von Rom.
 

Geschichte

 
Eine Kirche in Öhningen wird erstmals 1166 erwähnt. Sie war zu Ehren der Apostel Petrus und Paulus sowie des Märtyrers Hippolyt von Rom errichtet worden. Aussehen und Größe dieser Kirche sind nicht bekannt.
 
Ein Neubau aus dem 13. Jahrhundert hatte wohl bereits die Abmessungen des heutigen Kirchenschiffs. Der Chorraum wurde vermutlich im 15. Jahrhundert neu gebaut.
 
Im frühen 16. Jahrhundert kamen ein spätgoti­sches Leuchterpaar und das prachtvolle Armreliquiar des Heiligen Hippolyt von 1485 in den Besitz des Stiftes.
 
Die heutige Kirche wurde von 1610 bis 1620 im Stil der Spätrenaissance erbaut, nachdem die Baufälligkeit der alten Kirche beklagt worden war. Der Konstanzer Fürstbischof Jakob Fugger von Kirchberg ließ sie auf Resten des alten Turms errichten. Auch die weiteren Kirchenneubauten dieser Zeit in Öhningen gehen auf ihn zurück:
Die neue Kirche sollte am Fest Mariä Himmelfahrt 1618 geweiht werden. Jedoch ist nicht überliefert, ob es dazu kam: Der Turm stürzte kurz davor oder danach ein und verursachte großen Schaden an Gebäude und Ausstattung. Auch die neuen Glocken von 1611 wurden zerstört.
Die erste Taufe in der neuen Kirche konnte dann erst 1620 gefeiert werden.
 
An der Kirche gab es mehrere bruderschaftliche Zusammenschlüsse. Sie wurden vor allem im 17. Jahrhundert gegründet. Bekannt sind:
  • die Rosenkranz­bruderschaft mit Bezug zum linken Seitenaltar, dem Marienaltar,
  • die Sebastiansbruderschaft mit Bezug zum rechten Seitenaltar, dem Sebastiansaltar,
  • die Totenbruderschaft, die noch heute existiert.
Umfangreiche Bauarbeiten am Kirchturm waren 1804 und 1996 nötig. Innenrenovierungen erfolgten 1806 und 1936. Die letzte große Außenrenovation 1981/82 brachte neben Neuverputz und Anstrich auch die Schließung der beiden Ostfenster mit sich.
 
Bei der letzten großen Instandsetzung des Innenraums 1973-75 wurden das Inventar neu geordnet und die zahlreichen Kunstgegenstände restauriert. Auch wurden unterhalb des aktuellen Fußbodenniveaus ein Zie­gelplattenboden und verschiedene Grabplatten gefunden. Die Grabplatte des Chorherren Philipp Scriba (†1620) ist nun neben der Tür zur Sakristei zu sehen.
 
Ursprünglich waren Chorraum und Langhaus zwei unabhängige Gottesdiensträume: Im Langhaus feierte das Kirchenvolk Gottesdienste, während der Chorraum den Augustiner-Chor­herren vorbehalten war.
 
Den Übergang bilden heute ein großer Rundbogen und darunter der Zelebrationsaltar.
Das Vortragkreuz neben dem Zelebrationsaltar ist eine Kopie des in der Sakristei hängenden, ausdrucksstarken Kruzifix aus der Zeit um 1760.
 

Altäre

 
Die drei großen Barockaltäre wirken auf den ersten Blick, als seien sie zusammen entstanden. Jedoch stammen sie von unterschiedlichen Künstlern aus unterschiedlichen Zeiten.
 
Am Hochaltar hat bereits 1619 der Bildhauer Hans Schenck gearbeitet. Schenck war auf Veranlassung des Konstanzer Fürstbischofs Jakob Fugger von Mindelheim nach Konstanz gekommen und gründete dort eine Bildhauerwerkstatt, die später über mehrere Generationen fortgeführt wurde.
Der Gesamtaufbau des Hochaltars weist jedoch auf die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts hin.
 
Das Hauptbild wurde 1680 vom Maler Johann Georg Melchior Schmidtner aus Augsburg geschaffen. Es zeigt die Heiligen Augustinus, Verena, Franziskus und Hippolyt mit Maria als Him­melskönigin.
 
Das darüber zu sehende Gemälde zeigt Gottvater. Es wurde ebenfalls 1680 von Schmidtner geschaffen.
 
Die Weihe erfolgte 1681 durch den Konstanzer Fürstbischofs Johannes Franz Vogt zu Altensumerau und Prasberg. Sein Wappen bekrönt den Hochaltar und weist darauf hin, dass der Altar in wesentlichen Teilen von ihm gestiftet wurde.
 
Die beiden eindrucksvollen, durch ihre Gestik raumgreifenden Skulpturen von Petrus und Paulus seitlich des Hochaltars gelten als eigen­händige Werke von Hans Schenck.
 
Das Chorgestühl mit 30 Plätzen ist um 1640 entstanden.
 
Die beiden Seitenaltäre stammen wohl aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, aus der Zeit von Fürstbischof Johann Franz Schenk von Stauffenberg. Im Vergleich zum Hochaltar wirkt ihr Barockstil ausgereifter. Beide Altäre gleichen sich in ihrem Formtyp bis ins Detail und enthalten eine tiefe Mittelnische.
 
Der Marienaltar auf der linken Seite zeigt die Gottesmutter Maria, die auf einer Mondsichel steht. Die Skulptur wurde von Hans Schenck um 1625 geschaffen. Umrankt wird sie von einem Geflecht und 15 kleinen Gemälden der Rosenkranzge­heimnisse.
 
Im Gemälde darüber wird die Rosenkranz­spende Mariens an den Heiligen Dominikus dargestellt. Rechts ist die Heilige Katharina von Siena zu sehen. 
 
Der Sebastiansaltar auf der rechten Seite zeigt den Heiligen Sebastian eindrucksvoll bewegt in seinem Martyrium, nachdem ihn der römische Kaiser zur Erschießung durch Bogenschützen verurteilt hatte. Die Skulptur wurde von Hans Schenck geschaffen. Umrahmt wird sie von kleinen Gemälden der vierzehn Nothelfer.
 
Darüber ist ein Gemälde des Heiligen Rochus zu sehen: Ein Engel verbindet Rochus' Pestbeule. Das Bild nimmt die Thematik des Heiligen Sebastian auf, der gegen die Pest und andere Seuchen angerufen wird, da man seiner Fürbitte das schnelle Erlöschen der sogenannten Justinianischen Pest 680 in Rom zusprach.
 

Langhaus

 
Der barocke Kruzifixus links vom Marienaltar hing bis 1840 unter dem Chorbogen.
Darunter hängen vierzehn Apostel-Gemälde, die wohl um 1650 entstanden sind und bis 1973 im Chorgestühl hingen. 
 
Aus Altären, die 1636 geweiht worden waren, sind neben den auf den späteren Altären zu sehenden Skulpturen weitere Einzelstatuen erhalten:
  • Der auferstandene Christus mit schwungvoll gebauschtem Mantel ziert zur Osterzeit den Tabernakel im Hochaltar.
    Die Skulptur wird dem Atelier des Bildhauers Johann Christoph Schenck zugeordnet.
  • An der linken Seitenwand zu sehen sind die Statuen der Kirchenpatrone Hip­polyt und Verena.
    Sie sind Johann Christoph Schenck oder seinem Vater Hans Schenck zuzuordnen und zeigen Ähnlichkeiten zu den Skulpturen von Petrus und Paulus seitlich des Hochaltars. Die Plastiken wurden 1973 in der Werkstätte Victor Mez­ger in Überlingen stark überarbeitet. Dabei wurden die Attribute verändert.
Demgegenüber weichen die Statuen an der rechten Seitenwand im Stil ab:
  • Johannes der Täufer dürfte in der Werkstatt Jörg Zürn in Überlingen zwischen 1607 und 1638 entstanden sein.
  • Der Heilige Josef stammt aus dem Spätbarock.
An der rechten Seitenwand stellt das Ölgemälde aus dem 18. Jahrhundert die Apotheose des Heiligen Augustinus dar.
 
Die hölzerne Empore wurde 1707 errichtet. 
 
Die Kanzel wurde 1734 vollendet. Ihren Korb schmücken Statuetten der vier Evangelisten und geflügelte Engelsköpfe. Auf dem Schalldeckel ist die Skulptur des Guten Hirten zu sehen. Die Kanzel war ursprünglich über einen Gang von außen zugänglich. Nach dessen Abbruch wurde 1840 die Treppe hinzugefügt.
 
Aus der Zeit um 1737 stammen die beiden Beichtstühle an der Rückseite unter der Empore, verziert mit einer Darstellung der böhmischen Königin während der Beichte bei Johannes von Nepomuk.
 
Die Kreuzwegstationen wurden 1983 von Josef Henger aus Ravensburg geschaffen, passend zum Gesamteindruck des Raumes.
 
Die Bankreihen für die Gemeinde wurden 1973 erneuert, unter Beibehaltung des Bandelwerkdekors von 1737 an den Wangen. 
 
Die Rundbogenfenster enthalten Heiligendarstellungen in Buntglas. Sie wurden 1919 von der Konstanzer Glasmalerei-Werkstatt Lütz & Elmpt geschaffen. 
 

Decke

 
In den Feldern der stuckierten Flachdecke aus dem 18. Jahrhundert sind folgende Gemäldemotive zu sehen, von vorn nach hinten:
  • das Auge Gottes
  • das Lamm Gottes
  • die Taube des Heiligen Geistes
Im Ge­wölbe des Chorraums sind folgende gemalte Darstellungen zu sehen, geschaffen 1931 von Franz Schilling:
  • der seg­nende Christus
  • die Gottesmutter Maria
  • der Heilige Antonius
  • die Heilige Verena
  • der Heilige Hieronymus
  • der Heilige Augusti­nus
  • der Heilige Gregor
  • der Heilige Wendel 
 

Sakristei

 
Die nicht frei zugängliche Sakristei schließt sich südlich an den Chorraum an und liegt im Ostflügel des Konvents. In den beiden großen, gleichartigen Räumen finden sich eindrucksvolle Schätze:
  • Im vorderen Raum wurde im 17. Jahrhundert ein kunstvoller Schrank mit Kredenz und Lavabo aus dunklem Holz eingebaut.
  • Das prächtige, spätgotische Armreliquiar des Heiligen Hippolyt aus 1485 ist reich mit Edelsteinen verziert und fällt mit seiner Größe auf.
  • Ein spätgotisches Leuchterpaar, das im frühen 16. Jahrhundert in den Besitz des Stiftes kam.
  • Das große Rauchfass, als typische Goldschmiedearbeit zwi­schen Spätgotik und Renaissance entstanden.
  • Die prachtvolle Sonnenmonstranz aus teilvergoldetem Silber wurde im späten 17. Jahrhundert von Goldschmied Wolfgang Caspar Kolb aus Augsburg geschaffen.
  • Auch Gewänder aus der Barockzeit sind noch erhalten, darunter eine Dalmatik (liturgisches Gewand des Diakons) und eine Kasel (Messgewand) aus der Zeit um 1700, restauriert 1955.
  • Das ausdrucksstarke Kruzifix über der Tür zwischen den beiden Räumen stammt aus der Zeit um 1760 von Joseph Anton Feuchtmayer oder von seinem Geschäftspartner und Nachfolger Johann Georg Dirr. Eine Kopie dieser Holzschnitzerei steht neben dem Zelebrationsaltar.
 

Orgel

 
Die Orgel wurde 1982 von Egbert Pfaff aus Überlingen neu erbaut in einem Gehäuse aus dem 17./18. Jahrhundert mit Neuerungen. Den üppigen Neo­barock-Prospekt im Stil der Seitenaltäre schuf die Firma Victor Mezger aus Überlingen.
 
Das Instrument hat 23 klingende Register auf zwei Manualen und Pedal, die teilweise aus dem Vorgängerinstrument aus dem Jahr 1898 (Schwarz, Überlingen) stammen. Die Spieltrakturen sind mechanisch, die Registertrakturen sind elektrisch.

I Hauptwerk C-g3 II Schwellwerk C-g3 Pedal C-f1
Quintade 16'
Prinzipal 8'
Rohrflöte 8'
Oktave 4'
Koppelflöte 4'
Sesquialter 2f. 22/3'
Schwiegel 2'
Mixtur 4-6f. 11/3'
Trompete 8'
Tremulant
Holzgedackt 8'
Salizional 8'
Prinzipal 4'
Spitzflöte 4'
Oktav 2'
Quinte 11/3'
Cymbel 3-4f. 1'
Schalmay 8'
Tremulant
Subbass 16'
Oktavbass 8'
Gedecktbass 8'
Choralbass 4'
Rauschbass 3f. 22/3'
Fagott 16'
 
  • Koppeln: II/I, I/P, II/P als Wippen
  • Spielhilfen: HR + 4 Setzer + Pleno + Tutti als Tritte; Zungeneinzelabsteller als Wippen; Schwelltritt II; Tremulanten Geschwindigkeiten unabhängig einstellbar
  • 23 Registerwippen, weitere 5 Wippen für Koppeln und Tremulanten, 4 kleine Wippen für Zungeneinzelabsteller, 2 Drehregler für Tremulanten Geschwindigkeiten
  • Schleifladen
  • Disposition: Karl Philipp Schuba
Vorgängerorgeln:
 
1601 Organisten in Öhningen werden erwähnt.
1707 Johann Christoph Albrecht aus Waldshut erhält unter Fürstbischof Johann Franz Schenk von Stauffenberg den Auftrag, ein Instru­ment zu entwerfen. Der im Badischen Gene­rallandesarchiv in Karlsruhe verwahrte Entwurf mit erhöhtem Mittelturm kam nicht zur Ausführung. Wer die Orgel schließlich baute, ist nicht bekannt.
1734 Es wird eine weitere Orgel – offenbar eine Chororgel – in einem Kirchenbucheintrag erwähnt.
19. Jh. Die Orgel ist vom Wappen des bis 1740 regierenden Fürstbischofs Johann Franz Schenk von Stauffenberg bekrönt und besitzt Flügeltüren, die ausdrücklich nicht nur zu praktischen Zwecken dienten, sondern auch zur „besonderen Zier“.
1898 Orgelneubau von Wilhelm Schwarz & Sohn aus Überlingen als Opus 88. Mit seinem Neorenaissance-Prospekt umfasste die spätromantische pneumatische Kegelladenorgel 16 Register, zwei Manuale und Pedal.
Einzelne Register dieser Orgel fanden ab 1982 Wiederverwen­dung in der neuen Orgel, aber auch bei der Restaurierung erhaltener Schwarz-Orgeln, z.B. in Sinzheim oder in Ballrechten.
1982 Neubau der aktuellen Orgel, Egbert Pfaff, Überlingen.
 
 

Glocken

 
Nr. Name Gussjahr Gießer, Gussort Durchmesser
Masse
Schlagton  
1 Christkönigsglocke 1963 Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg 1378 mm 1786 kg d'+2  
2 Marienglocke 1963 Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg 1153 mm 1035 kg f'+4  
3 Heiliger Josef 1963 Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg 1020 mm   718 kg g'+2  
4 Heiliger Geist (Konzilsglocke) 1963 Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg   854 mm   425 kg b'+4  
5 Heiliger Michael 1963 Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg   755 mm   290 kg c''+4  
6 Totenglocke 1963 Friedrich Wilhelm Schilling, Heidelberg   666 mm   195 kg d''+2  
 
Das Geläut ist abgestimmt auf das Fünfergeläut der Kirche Maria Himmelfahrt von 1897 in Eschenz, auf der ande­ren Seeseite in der Schweiz gelege­n.
 
Das alte Geläut mit Glocken aus der Zeit zwischen 1551 und 1771 wurde 1963 ersetzt, da es nicht mehr dem Wunsch nach Klangreinheit und Harmonie entsprach.
  • Drei der vier Glocken kamen als klingendes Kriegerdenkmal in ein offenes Gerüst neben der Friedhofskirche.
  • Die vierte, kleinste Glocke war vor dem Ersten Weltkrieg gesprungen und steht heute im Konventsaal des Klosters.
 
 
Panoramaaufnahmen finden Sie unter www.oehningen360.de - z.B. „Öhningen Ort“ und „Klosterkirche“
 
 
Die Bilder sind noch nicht fertig, sie werden noch entwickelt...  
 
 

 
Hier wird gebaut...
Demnächst mehr...
Man darf gespannt sein...