Das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift mit seinen stattlichen Konventgebäuden und dem Zwiebelhaubenturm der Kirche ist das Wahrzeichen der Gemeinde Öhningen.
Aktuell wird das Chorherrenstift generalsaniert. Neben der Sanierung der Gebäude sollen auch der Klosterplatz und die historischen Gärten wiederhergestellt werden.
Während der Arbeiten wurden erstaunliche Funde gemacht, die dem Stift Öhningen zu internationaler Bedeutung verhelfen.
Für die künftige Nutzung des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstifts wird eine langfristige Perspektive angestrebt.
Zunächst sollen die offenen Eigentumsverhältnisse geklärt werden zwischen
- dem Land Baden-Württemberg,
- der Gemeinde Öhningen,
- der Erzdiözese Freiburg und
- der Kirchengemeinde Höri.
Geschichte
Öhningen wurde im späten 8. Jahrhundert – vermutlich 788 – erstmals als „Oningas“ erwähnt. Es liegt am Ende des Untersees bei Stein am Rhein. Möglicherweise wurde das Stift Öhningen auf der Anhöhe gegründet, an der sich zuvor ein Adelssitz befand.
Einer Überlieferung zufolge soll Graf Kuno von Öhningen – er stammte aus einem damals bedeutenden Grafengeschlecht – die Klosteranlage 965 gegründet haben. Die Echtheit der entsprechenden Urkunde von Kaiser Otto I. wird jedoch bezweifelt. Sie ist sehr wahrscheinlich eine Fälschung aus dem späten 12. Jahrhundert.
In jener Zeit kamen Urkundenfälschungen auch und besonders bei Klöstern häufig vor: Dadurch wurden vorgebliche Privilegien oder Ansprüche gesichert, oder eine längere als die tatsächliche Tradition begründet.
Mauerreste machen eine Gründung des Klosters zur Zeit des Konstanzer Bischofs Ulrich im frühen 12. Jahrhundert wahrscheinlich. Bischof Ulrich wurde 1111 von Kaiser Heinrich V. eigenmächtig zum Bischof von Konstanz ernannt, er erhielt seine Weihe aber erst 1118 und starb 1127.
Die Anfänge des klösterlichen Lebens in Öhningen sind nicht geklärt. Möglich erscheinen
- die Gründung als Benediktinerkloster, das erst später zum Augustinerkloster wurde, oder
- die Gründung im späten 11. oder frühen 12. Jahrhundert gleich als Augustinerkloster während einer Welle ähnlicher Gründungen im Bistum Konstanz.
Belegt ist eine „Propstei Öhningen“ (prepositura Oningen) durch eine Urkunde aus dem Jahr 1155.
Von einem namentlich genannten Probst und dem Konvent mit etwa sechs Chorherren wird erstmals 1160 berichtet.
Augustiner-Chorherren werden erstmals 1166 erwähnt.
1191 übernahm der Konstanzer Bischof vom Kaiser die Vogtei über Ort und Stift. Untervögte z.B. aus Gaienhofen übten die Vogteirechte aus und verwalteten den Besitz des Stifts, der sich vom Thurgau über Hegau und Klettgau bis in den Südschwarzwald erstreckte.
Die Schutzurkunde Papst Alexanders IV. von 1256 änderte für den meist aus sechs Chorherren bestehenden Konvent nicht viel: Der Bischof von Konstanz behielt seinen Einfluss auf das Stift.
Ab dem Beginn des 15. Jahrhunderts gab es oft Konflikte zwischen Dorf und Stift. Dabei ging es um Zuständigkeiten und Rechte, auch vor dem Hintergrund des Lehenswesens mit dem Kloster als Grundherr. Mehrfach rebellierten die Öhninger Bauern gegen ihre Herrschaft. Sie wollten unabhängig vom Kloster und vom Bischof werden.
Im Bauerkrieg 1524/25 vertrieben die Bauern (und selbst einige Chorherren) den Propst: Er war dem Konvent acht Jahre zuvor aufgedrängt worden, und sie machten ihn für viele Missstände verantwortlich.
In dieser Phase wirtschaftlichen Niedergangs des Stifts Öhningen waren die verbliebenen drei Chorherren zerstritten. Der Konstanzer Bischof baute dadurch seinen Einfluss auf das Stift aus, indem er 1527 den Vogt von Gaienhofen als Administrator einsetzte.
Nachdem auch der Kaiser den Konstanzer Plan unterstützte, das Stift Öhningen zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage des Hochstiftes Konstanz in dieses einzugliedern, wurde dies 1534 ausgeführt. Der Konstanzer Bischof wurde dadurch kraft Amtes zum Probst des Stiftes Öhningen. Als Vertreter für geistliche Aufgaben in Öhningen setzte der Bischof einen Dekan, Superior oder Prior ein, wozu keine Zustimmung des Konvents erforderlich war.
Die Eingliederung verbesserte die wirtschaftliche Lage auch des Öhninger Konvents. Die Versorgung und das Leben im Konvent wurden von Konstanz aus klar geregelt, aber auch bis ins Kleinste überwacht.
Auch Bauangelegenheiten gerieten komplett in die Hand der Konstanzer Fürstbischöfe, die umfangreiche Bauarbeiten starteten. Die Bischöfe schauten jedoch stärker auf andere Orte, die sie sehr prunkvoll ausstatteten. So kam es zur vergleichsweise bescheidenen Architektur des Öhninger Chorherrenstiftes, die ohne solch üppige Barockelemente auskommt.
Im Dreißigjährigen Krieg wurden Ort und Kloster sechs Mal geplündert. Das Konstanzer Domstift stellte jedoch den Besitz wieder her.
Ab dem 17. Jahrhundert gab es in Öhningen einen fürstbischöflichen Obervogt, der für die weltliche Verwaltung auch des Stiftes Öhningen zuständig war. In der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde als Amtssitz für ihn die Vogtei erbaut, das heutige Rathaus.
Im 17. und 18. Jahrhundert litten Dorf und Kloster Öhningen stark unter drei Erbfolgekriegen, dann auch unter zwei Koalitionskriegen.
Das Kloster kam mit der Säkularisation des Hochstiftes Konstanz an den badischen Staat. Die Auflösung des Konvents wurde 1803 begonnen und 1805 mit der Errichtung der Pfarrei Öhningen abgeschlossen.
Im Land Baden-Württemberg gab es elf Chorherrenstifte. Stift Öhningen ist die am besten erhaltene.
Wappen
Petrus ist einer der Patrone des Stifts Öhningen.
Der Schlüssel als sein Hauptattribut erscheint im Stiftswappen: Das viergeteilte Wappen zeigt in zwei diagonalen Feldern den Reichsapfel und in den beiden anderen einen Adler und einen Schlüssel, gehalten von zwei Armen.
Durch die Eingliederung des Stiftes Öhningen in das Konstanzer Hochstift 1534 wurde das Stiftswappen auch Teil des Wappens des Bistums Konstanz.
Klosterbezirk
Zum Areal des Chorherrenstiftes zählen westlich des Klosterplatzes
- die Kirche,
- die drei Flügel des Konventbaus,
- die Vogtei,
und östlich des Klosterplatzes
Mauerreste finden sich aus dem frühen 12. Jahrhundert, jedoch sind gesicherte Aussagen zur Baugeschichte erst ab ca. 1500 möglich: Um 1500 wurden die Gebäude für den Konvent neu errichtet, jedoch noch nicht in ihrer heute bekannten Form.
Die imposanten drei Flügel des Konventbaus entstanden durch Um- und Erweiterungsbauten im 17. und 18. Jahrhundert, enthalten jedoch einige Teile der früheren Bauten.
Der Kirchenneubau entstand zwischen 1610 und 1620 unter dem Konstanzer Fürstbischof Jakob Fugger. Sein Wappen mit der Jahreszahl 1617 ist über dem Tor am Ostflügel des Konvents zu sehen.
Die Vogtei, das Haus des fürstbischöflichen Obervogtes, entstand um 1650. Sie wurde 2004 umfangreich restauriert und renoviert und dient heute als Rathaus.
In der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde als Amtssitz für den Obervogt die Vogtei erbaut, das heutige Rathaus.
Um 1680 ließ Fürstbischof Johannes Franz Vogt zu Altensumerau und Prasberg Schäden – u.a. Kriegsschäden – an der Kirche und an den Stiftsgebäuden reparieren und die Innenausstattung der Kirche vollenden.
Fürstbischof Kasimir Anton von Sickingen sorgte 1747 für die Umgestaltung des Konventsaals. Barocke Raumdekorationen und Rokokostuck geben dem Raum eine wertvolle künstlerische Ausstattung. Auch andere Räume wurden ähnlich ausgestattet, z.B. die „neue Bibliothek“.
Im von den Konventgebäuden und der Kirche umschlossenen Klosterhof finden in den Sommermonaten die „Klosterhof-Konzerte“ statt.
Konventbauten
Der rechteckige Klosterhof wird von drei Gebäudeflügeln und der Kirche umschlossen.
Der Südflügel ist in zwei Abschnitten entstanden.
Der westliche Teil, das Stammhaus, wurde wohl um 1500 erbaut. Das Stammhaus beherbergte die Propstei und später den Sitz des Dekans.
Der Südflügel wurde um 1685 Richtung Osten verlängert und so die Lücke zum Ostflügel geschlossen. Dadurch entstand die imposante Südfassade des Stifts, die sich aufgrund der Hanglage über fünf Etagen erstreckt. Noch heute erinnern im Inneren viele Details an diese Zeit, z.B. Stuckdecken. Im Südflügel wohnten die Chorherren.
Heute befinden sich im Südflügel Wohnungen, das Pfarrbüro und die für Gemeindeveranstaltungen genutzten Säle, der Bernhardsaal und der Konventsaal.
Der Ostflügel stammt aus Zeit um 1500, als auch der erste Teil des Südflügels entstanden ist.
Durch die Verbindung zur Kirche wurde er stark verändert, als die Kirche von 1610 bis 1620 neu gebaut wurde. Das Wappen des Konstanzer Fürstbischofs Jakob Fugger mit der Jahreszahl 1617 ist an der Außenfassade des Ostflügels über dem Tor zu sehen.
Zunächst schloss der Ostflügel auf seiner Südseite mit einem Giebel ab, bis 1685 der Südflügel bis zum Ostflügel verlängert wurde.
Heute befinden sich im Ostflügel Gemeinderäume.
Im Westflügel befanden sich die Torkel (Weinpresse) und die Bibliothek.
Das Torkelgebäude entstand vor 1556. Auf seine dicken Mauern im Erdgeschoss war zunächst ein Fachwerkgeschoss aufgesetzt, das 1733 durch ein Geschoss aus Steinen ersetzt wurde. Dort waren die Bibliothek und Krankenzimmer untergebracht.
Heute wird der Westflügel privat genutzt und beherbergt auch ein Künstleratelier.
Nicht zu den eigentlichen Konventbauten zählen die Vogtei (um 1650) nördlich der Kirche und das Torhaus (1683) am östlichen Ende des Stiftsbezirks.
Jedoch sind auch sie wesentliche Bestandteile des Klosterbezirks. Die Vogtei wirkt wie die Fortsetzung des Ostflügels im Norden. Sie beherbergt seit 2004 die Gemeindeverwaltung Öhningen.
Fachwerkhäuser in der Nähe weisen auch noch heute auf eine Verbindung zum ehemaligen Kloster hin.
Kontventsaal
Der Konventsaal im Stammhaus wurde 1747 von Fürstbischof Kasimir Anton von Sickingen dem damaligen Stil entsprechend barock ausgestattet. Er sollte auch Repräsentationszwecken dienen.
Die Fenster nach Süden mit Blick auf den See und die Schweizer Seeseite liegen in drei großen Rundbogennischen. Die Optik der Nischen wurde auf die gegenüberliegende Nordseite und auf die schmalen West- und Ostseiten des Raums übertragen. Dadurch wurde die Wirkung eines viel größeren Raumes erzielt, der eigentlich nur 14 auf 6 Meter misst.
An der Stuckdecke sind in drei Feldern Gemälde zu sehen. Sie zeigen
- das Wappen des Stiftes Öhningen,
- Aspekte der angeblichen Gründung des Klosters im Jahr 965, und
- Teile der augustinischen Regeln.
An den Wänden sind gemalte Porträts der Apostel zu sehen.
Der Raum ist zeitgemäß möbliert mit einem bemalten Schrank und einem Sekretär. Eine aus Holz geschnitzte Gottesmutter Maria und ein Kruzifix vervollständigen die barocke Ausstattung.
Personen
Die folgenden Öhninger Chorherren erreichten die größte Bekanntheit:
Dominikus Wenz (†1755)
- mit einem Kommentar zur Augustinusregel (1718)
- mit einer Schrift für die Erstkommunionvorbereitung (1724)
- mit eine Sammlung von Sinnsprüchen (1726)
- mit seinem 1757 und 1793 erschienenen Hauptwerk „Exempel-Buch“; es gab für die Erzählliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts wichtige Impulse.
Karl Loder (†1760)
- mit einer biblischen Historie
- mit handschriftlichen Aufzeichnungen zur Stiftsgeschichte